Alte Chronisten berichten von einer Frau, die als Königin in Dos Pilas herrschte. Sie beanspruchte die Titel männlicher Herrscher und erwies sich als eine starke und mächtige Herrscherin. Ihre zeitgenössischen Chronisten erwähnten zwar nie ihren Namen, aber die Legende der Königin von Dos Pilas lebt bis heute.
Sechs Himmel, auch bekannt als Wac Chanil Ajaw, folgte auf ihren Vater Bajlaj Chan K'awiil und wurde Königin von Dos Pilas. Nachdem sie den Thron gegen Ende des 7. Jahrhunderts bestiegen hatte, verließ Wac Chanil Ajaw ihre Heimat Dos Pilas in Richtung Wak Kab'nal. Die Ausübung der königlichen Regentschaft war damals kein leichtes Unterfangen (schon gar nicht als Frau) und Wac Chanil Ajaw musste ihre Machtposition in der gesamten Region stärken, vor allem in Wak Kab'nal. Hierzu ließ sie gleich nach ihrer Ankunft mehrere Rituale durchführen, um ihre Autorität sowohl über ihre Abstammung als auch als Auserwählte der Götter zu untermauern. Ihr Volk war ihr größtenteils wohlgesonnen und respektierte letztlich ihre Herrschaft, auch wenn sie nie wirklich zur Herrscherin von Naranjo gekrönt wurde. Ihr Volk errichtete dennoch Monumente in ihrem Namen, um zu zeigen, dass es ihre Regentschaft auch ohne Krone respektierte. So wurde sie unter anderem in den Gewändern der wahren Königin dargestellt (dies könnte auch als versehentlicher Schlag ins Gesicht ausgelegt werden, aber sie soll dieses Geschenk wohlwollend angenommen haben).
K’ak Tiliw Chan Chaak (Rauchendes Eichhörnchen), der Sohn von Wac Chanil Ajaw, bestieg den Thron im Alter von fünf Jahren, aber Wac Chanil Ajaw übte die Regentschaft an seiner Stelle aus (er war damit beschäftigt, ein Kind zu sein). So wie jede gute Mutter es getan hätte, führte sie zu jener Zeit eine Reihe erfolgreicher Feldzüge gegen benachbarte Reiche, die die Herrschaft ihres Sohnes – und somit auch ihre Herrschaft – gefährdeten. Ihre Monumente wandelten sich und zeigten sie als Kriegerin, die entschlossen und siegreich über ihren Feinden stand. Als ihr Sohn zehn Jahre alt war, hatte sie bereits etliche erfolgreiche Feldzüge in seinem Namen geführt.
Kriege und Eroberungen waren jedoch nicht die einzigen Dinge, denen Wac Chanil Ajaw sich während ihrer Regentschaft stellen musste. So führte sie auch die religiösen Zeremonien aus, die aufgrund ihrer Position von ihr verlangt wurden. Eine solche Zeremonie, die Feier zum Verstreichen des halben Katuns, hielt sie auf dieselbe Weise ab wie der vorige König von Wak Kab'nal.
Wac Chanil Ajaw war fest entschlossen, eine neue Dynastie mit ihr als Matriarchin zu gründen. Dafür musste sie ihre Herrschaft nicht nur durch Kriege und religiöse Zeugnisse stärken, sondern auch den Wohlstand ihres Volkes mehren. Dies war unumgänglich, um ihre Macht als Frau und als Mutter eines überaus jungen und somit verwundbaren Königs zu behaupten. Sie wollte nicht nur gut, sondern auch lange regieren.
Als K’ak Tiliw Chan Chaak, der Sohn von Wac Chanil Ajaw, schließlich die Regentschaft übernahm, folgte er dem Beispiel seiner Mutter und führte Feldzüge gegen andere, größere Maya-Städte, einschließlich Tikal. Wac Chanil Ajaw stand ihrem Sohn während dieser Zeit als Mitregentin zur Seite. Das Volk und der Adelsstand von Wak Kab'nal respektierten die gemeinsame Herrschaft von Königin Sechs Himmel und Rauchendes Eichhörnchen aufgrund ihrer konsistenten und einheitlichen Handlungen und Politik.
Zur Bestürzung von Wac Chanil Ajaw und ihres Volkes fand die Regentschaft von K’ak Tiliw Chan Chaak ein jähes Ende. Er verstarb frühzeitig und so sollte Wac Chanil Ajaw erneut regieren, bis hier Enkelsohn alt genug – oder mächtig genug – war, um gekrönt zu werden.
Wac Chanil Ajaw lebte noch weitere zwanzig Jahre, bevor sie 741 n. Chr. starb. Ihr Enkelsohn wurde von Tikal besiegt, gefangen genommen und hingerichtet, sodass die von ihr errichtete Dynastie ein Ende fand.