Kandake Amanitore herrschte über Nubien in einer Zeit des Wandels. Sie war eine mächtige Königin, die von ihren Feinden gefürchtet und von ihrem Volk geliebt wurde, und einer der letzten großen Erbauer im Reich von Kusch. Nach einer Zeit der Unruhe führte Amanitore das Land des Bogens zu seiner alten Größe zurück. Ihre Herrschaft war lang und ihre Werke von Dauer.
Das ist es, was die Historiker sich zusammengereimt haben. Nachdem zwei Jahrtausende verstrichen sind und eine Sprache gestorben ist, bleiben kaum schriftliche Aufzeichnungen in Form von Schriftrollen oder anderen Dokumenten über Amanitore zurück. Was bleibt, wurde in den Stein der Gebäude gemeißelt, die sie zurückgelassen hat.
Der mysteriöseste Aspekt von Amanitores Leben ist die Frage danach, wer sie war, bevor sie Königin wurde. Ihre Persönlichkeit ist uns ein Rätsel. Uns bleibt nur die Interpretation. Eine abstrakte Darstellung der Kandake zeigt sie, wie sie gnadenlos Feinde tötet, die sie bereits unterworfen hat. Handelt es sich um ein tatsächlich eingetretenes Ereignis, bei dem sie die Hinrichtung von Rebellen befahl, oder war es Propaganda, die ihre rechtmäßige Rache gegenüber denen verdeutlichen sollte, die sich gegen den Staat auflehnten?
Sogar ihre Rolle als Königin ist schwer zu definieren. Natakamani, der mit ihr zusammen herrschte, wird widersprüchlich mal als ihr Ehemann oder als ihr Sohn beschrieben. Außerdem war Amanitore die Nachfolgerin von Kandake Amanischacheto, die entweder ihre Schwiegermutter war (sofern Natakamani Amanitores Ehemann war), ihre eigene Mutter (wenn Natakamani Amanitores Sohn war) oder eine andere Verwandte, deren Beziehung zu ihr nicht mehr zu ergründen ist.
Die unklaren Einzelheiten von Amanitores Abstammung sind weniger wichtig als die Rolle, die sie spielte. Der Titel Kandake lässt sich in etwa mit "Königin-Mutter" übersetzen, bedeutete aber nicht, dass eine Regentin anstelle eines Erben herrschte, der zu jung war, um sein Amt selbst innezuhaben. Vielmehr waren die Kandaken unabhängige Königinnen, die entweder allein mit einem Prinzgemahl an ihrer Seite oder gemeinsam mit einem König und geteilter Macht regierten.
Amanitores Herrschaft folgte dem zweiten Modell, denn Natakamani war ihr gleichgestellt. Es ist kaum etwas über ihr Leben bekannt, bevor sie Königin wurde (um das Jahr 1 v. Chr.). Denkmäler zeigen jedoch stets beide Herrscher als Erwachsene, daher war sie zu Beginn ihrer Herrschaft vermutlich in den besten Jahren. Darstellungen von Amanitore und Natakamani zeigen beide stets als gleichbedeutend, vor allem im religiösen Zusammenhang, was für die damalige Zeit ungewöhnlich war.
Da Ägypten ein Vasall Roms war und die Verhältnisse zwischen Rom und Nubien freundlich waren, gab es keine regionalen Konflikte, die Amanitores Herrschaft bedroht hätten. Die vergleichsweise friedliche Zeit und die Eigenständigkeit, die ihr die gemeinsame Herrschaft gewährte, ermöglichten Amanitore, ihr späteres Vermächtnis zu gründen, indem sie eine Zeit des Bauens einleitete, die dem meroitischen Reich großen Wohlstand brachte. Zu ihren Werken zählten der Bau nubischer Pyramiden und Gräber, der Wiederaufbau des Amuntempels in Meroë und Infrastrukturprojekte wie die Reservoirs, die in der Nähe der Hauptstadt angelegt wurden.
Amanitore ließ auch den Amuntempel bei Napata wiederaufbauen - eben jenen Tempel, der vor zwei Jahrzehnten von den Römern zerstört worden war. Da Amanitores Name den Namen des Gottes Amun als Bestandteil hatte, kann man davon ausgehen, dass der geschäftigen Königin dieser Wiederaufbau sehr am Herzen lag. Ihre Bemühungen trugen tatsächlich dazu bei, zumindest einen Teil des ursprünglichen Prunks von Gebel Barkal wiederherzustellen.
Die Königin unterhielt zwar eine friedliche Beziehung zu Rom, doch bei den Rachezügen der vergangenen Jahrzehnte in ägyptisches (beziehungsweise jetzt "römisches") Gebiet waren bronzene Statuen von Augustus Cäsar erbeutet worden. Laut einer zweifelhaften Geschichte soll Amanitore den abgetrennten Kopf einer solchen Statue unter den Treppenstufen in Meroë vergraben haben, sodass immer wieder Nubier auf den römischen Kaiser treten würden, der Napata zertrümmert hatte. (Vermutlich war es eher die frühere Kandake Amanirenas, die das tat.) Ob sie nun verantwortlich war oder nicht - der "Meroë-Kopf" von Augustus Cäsar wurde Anfang des 20. Jahrhunderts unter einer Treppe im Tempel gefunden.
Die Umstände von Amanitores Aufstieg sind verworren, und auch über das Ende ihrer Herrschaft ist wenig bekannt. Einigen Schätzungen zufolge verstarb sie um 20 n. Chr. Ihr Grab in Meroë wurde inzwischen längst von Schatzjägern geplündert.
Obwohl Amanitore viele Rätsel aufgibt, inspirierten ihre Werke spätere Kandaken, darauf aufzubauen, was wiederum die meroitische Kultur und den Wohlstand im 2. Jahrhundert ankurbelte. Archäologen stoßen heute noch auf Beispiele ihres Einflusses, darunter eine Reihe von erst kürzlich ausgegrabenen nubischen Pyramiden, die während ihrer Herrschaft erbaut wurden.